Geschichte

Ein Stück Geschichte: Landesverband der Bürgergarden, Schützenkompanien und Traditionsverbände Oberösterreichs
von Mag. Toril Fosen, Schriftführerin des Landesverbandes

2022 feiert der Landesverband der Bürgergarden, Schützenkompanien und Traditionsverbände Oberösterreichs sein 60-jähriges Bestehen – eine gute Zeit für einen Rückblick, aber auch für einen Blick in die Gegenwart.

Am 8. April 1962 fand die konstituierende Sitzung des Landesverbandes in Regau statt. Im Vergleich zu der langjährigen Geschichte der Bürgergarden ist diese Dachorganisation doch relativ jung. Werfen wir einen kurzen Blick auf die verschiedenen Gründungswellen. Grob gesagt lassen sich die Gründungen der Garden in fünf Phasen einteilen. Die erste Gründungsphase dieser mittelalterlichen Einrichtung der Stadtverteidigung fand bereits zwischen ca. 1120 und 1380 statt. Genau lässt sich das leider nicht sagen, da Dokumente aus der damaligen Zeit verloren gegangen sind. Die älteste Garde Österreichs dürfte Freistadt sein, wo das Gründungsdatum um 1132 vermutet wird. Von den heute noch oder wieder bestehenden Garden gehören auch Steyr und Vöcklabruck in diese Gruppe.

Regauer Offiziere 1962

Die zweite größere Gründungswelle beginnt mit dem Einfall der Hussiten 1421 bis zu der Türkenbelagerung Wiens 1683. Die Selbstverteidigung wurde dabei auf befestigte Märkte ausgedehnt. Dabei entstanden die Garden von Aigen-Schlägl, Bad Leonfelden, Haslach, Mattighofen und Riedau. Die dritte Gründungsphase beginnt unter Kaiser Karl IV und endet mit dem Amtsantritt von Joseph II., in der nunmehr auch in nicht befestigten Ortschaften und Dörfern Garden gegründet wurden, wie etwa in Kollerschlag oder auch in Offenhausen, wo gerade über eine Reaktivierung der alten Tradition nachgedacht wird. Zudem verlagerte sich der Fokus von der Verteidigung mehr in Richtung Paradekorps, die Garden verschönerten also immer mehr kirchliche und weltliche Feste einer Gemeinde.

Die vierte Gründungsphase fand unter den Napoleonischen Kriegen statt, wo sich auch die Aufgaben der Garden wieder mehr in Richtung örtliche Schutztruppen verlagerte und so etwa auch Aufgaben der Gendarmerie übernommen wurden. Zu der Zeit wurden Regau und Sierning gegründet, aber auch Friedburg und Windhaag bei Perg. Die fünfte und letzte Gründungswelle reichte von ca. 1830 bis 1906, wo nur mehr reine Ehrengarden gegründet wurden. Zu der Zeit entstanden die Garden von Hofkirchen, Magdalenaberg und Kematen an der Krems.

Prangerschützen – überliefertes Brauchtum

Die historisch entwickelte Wehrtradition der Bürger- und Schützenkorps ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu Schützenvereinen, wie etwa die Prangerschützen. Ein Prangerschützenverein gehört ebenfalls dem Landesverband an, nämlich die D´Auracher. Auch sie blicken auf eine lange Tradition zurück, die bis in die vorchristliche Zeit reicht, wo man mit Lärm böse Geister abwehren wollte. Im Gegensatz zu den Korps in Oberösterreich, die in einem kaiserlichen Patent von 1851 ihre Privilegierung und damit einen rechtlichen Status erhalten haben, zählen Prangerschützen zum überlieferten Brauchtum.

Traditionsverbände – Bewahrung altösterreichischer Armeetradition

Zum Landesverband gehören auch zehn Traditionsregimenter, die die Bewahrung altösterreichischer Armeetradition und Militärtradition und -kultur bezwecken. Sie versuchen also, die militärische Tradition der alten österreichisch-ungarischen Monarchie wiederzubeleben und in unserer Zeit entsprechenden Formen zu erhalten. Zu ihnen gehören das k.u.k. Dragonerregiment Kaiser Ferdinand No. 4, das Traditionsdragonerregiment No. 7 „Herzog von Lothringen und Bar“,das Dragoner-Regiment Nr. 15 „Erzherzog Joseph“, das k. k. Landwehrinfanterieregiment Linz No. 2, das Traditionscorps Hessenbund Wels k.u.k. Infanterieregiment Nr.14, das K.u.K. Infanterie Regiment Nr. 42 „Herzog von Cumberland“ Traditionskorps Gmunden, das Unif. Schützenkorps Traun – Traditionskorps k.u.k. Pionierbataillon Nr. 2, die k.u.k. Offiziersgesellschaft der Donaumonarchie 1867–1918 „des Kaisers bunter Rock“ der k.u.k. Garnisonstadt Wels, das k.k. Landwehr-Ulanen-Regiment No. 6, sowie das Traditionskorps 1864 – Kameradschaftsbund Schärding.

Dachverband Österreich – kurzfristig in Freistädter Hand

Wie oben erwähnt ist der Landesverband relativ jung, vor mehr als 100 Jahren entwickelte sich aber bereits eine Tendenz zu einem gesamtösterreichischen Dachverband. Der erste Delegiertentag der österreichischen Bürger- und Schützenkorps fand 1907 in Prag statt. Erster Vorsitzender wurde der Brünner Kommandant Zelniczek. Beim zweiten Delegiertentag in Brünn 1908 nahmen Vertreter der Bürgerkorps Freistadt und Steyr teil. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges fand die letzte Delegiertentagung statt, danach haben die Garden zumindest auf dem Papier rechtlich zu existieren aufgehört. Währen des Kriegs übernahmen die Gardisten, sofern sie nicht Kriegsdienst leisteten, Bewachungsdienste von strategisch wichtigen Objekten und in Kriegsgefangenenlagern. Nach Beendigung des Krieges formierten sich die Garden wieder. Durch den Wegfall der böhmischen Garden stellte Oberösterreich mit damals 38 aktiven Kooperationen die stärkste Einheit dar und war maßgeblich am nächsten Versuch eines österreichischen Dachverbandes beteiligt. 1929 wurde in Wels der Reichsverband der österreichischen Bürger- und Schützenkorps gegründet, erster Präsident wurde der Kommandant des Grazer Bürgerkorps, Dr. Anton Kapper. Nach dem Tod Kappers ging der Vorsitz nach Oberösterreich, 1937 übernahm der damalige Freistädter Bürgermeister und Korpschef, Anton Zemann, den Vorsitz. Seine Präsidentschaft dauerte allerdings nicht lange. Ein Gesetz von 1938 über die Überleitung und Eingliederung von Vereinen und Organisationen bedeutete ein faktisches Verbot der Garden. Zudem mussten sie Waffen, Uniformen und Fahnen beim jeweiligen Bürgermeisteramt abgeben. Manchen Garden gelang es aber, vor allem die Fahnen zu verstecken.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges waren die Umstände für die Garden nicht einfach. Von dem abgesehen, dass Uniformen und Waffen weitgehend vernichtet oder später dann auch von den Besatzungsmächten konfisziert wurden, so sind doch zahlreiche Gardisten gefallen oder waren in Kriegsgefangenschaft geraten. Nichts desto trotz entstand in manchen Orten doch bald wieder ein Korpsleben, allen voran in Friedburg und Regau, wo die Gardisten es schafften, die meisten Ausrüstungsgegenstände zu verstecken. Bis 1958 konnten sieben der 38 Verbände wieder reaktiviert werden. Die Bestrebungen nach einem neuerlichen österreichweiten Dachverband blieben allerdings erfolglos.

Landesverband heute

Aber zumindest in Oberösterreich gelang die Gründung eines Landesverbandes. Erster Präsident wurde der Obmann der Bürgergarde Regau, Ignaz Stögmüller, erster Landekommandant der Freistädter Bürgermeister, Leopold Tröls.


Da Stögmüller leider bei einem Autounfall verstarb, übernahm in der zweiten Legislaturperiode Tröls die Präsidentschaft, Landeskommandant wurde der der Kommandant der Garde Freistadt, Ing. Robert Soukup. Seit 2016 leitet nun der Freistädter Kommandant, Hubert Reitbauer, die Geschicke des Landesverbandes, der heute 16 Bürgergarden, zehn Traditionsregimenter und einen Prangerschützen-Verein unter einem Dach vereint. Sein Stellvertreter ist Hubert Niederfriniger, Kommandant der Garde Regau. Erstmalig in der Geschichte des Verbandes wurde 2016 auch eine Frau in den Vorstand gewählt. Mag. Toril Fosen, nunmehr Marketenderin der Garde Regau, übernimmt die Schriftführeragenden.